Geschichten aus dem Verband – Bipol

Ein Nachruf von unserem Vereinsmitglied Steffi S.:

Ich möchte Euch hier die Geschichte von einem weißen Pferd erzählen. Einem, dass das Leben derer Menschen nachhaltig verändert hat, die ihn kennenlernten. Einem, der das Leben derer glücklicher machte, ich möchte Euch die Geschichte von meinem Bipol erzählen:

Bipol wurde als Vollblutaraber am 10.01. als 41.Fohlen im Jahr 1991 auf dem großen Staatsgestüt Tersk in Russland geboren.
Wer im tiefsten Russland Anfang Januar zur Welt kommt und überlebt, der hat Härte und Willenskraft bewiesen, soviel war mir immer klar.
Er kam dann als Hengstanwärter in die Niederlande. Ein Pferdetransport von dieser Länge dürfte schon heute für kein Pferd einfach sein und Anfang der 90 Jahre schaffte sicher nicht jeder das Ziel; Bipol hatte sich aus dieser Zeit tiefe und breite Narben am Genick behalten.
Er bekam niederländische Papiere, wurde schließlich gelegt und kam dann, auf welchem Weg auch immer, auf einer kleinen Koppel in Niedersachsen an. Dort stand er, tyrannisiert von einer Herde Shettys, und wartete auf mich.

Zu dieser Zeit, ich war 16, sagte mein Vater die verhängnisvollen Worte, dass ich mir nun ein Pferd kaufen dürfte und Bipol war der Erste, den ich mir ansah. Und bevor sich mein Vater die Sache noch anders übergeben konnte, entschied ich mich gleich für ihn.
Bipol war zu dieser Zeit sehr mager und in schlechter körperlicher Verfassung. Er war 5 Jahre alt und der Preis war viel zu hoch, aber er wurde MEIN Pferd.
Wie erlebten viel zusammen und wurden zu einer Einheit. Ob stundenlange Ausritte, Wanderritte, Springen, Dressur, Fuchsjagten, Bodenarbeit und Zirkuslektionen… Wir versuchten alles und kamen schließlich zum Westernreiten.

Unvergessen ist meine 1. Turnierprüfung in der LK 5, als sogar meine Eltern zusahen, in der mein Pferd aber nur buckelte und ich anschließend bitterlich weinte… Unvergessen ist auch, dass sich mein Pferd stets vermeintlich „gruselige“ Ecken suchte, in denen er sich künstlich aufregte, um mich von der eigentlichen Arbeit abzubringen… Und wie oft ist ihm dies auch gelungen. Wie heißt es landläufig über Araber? „Zu allem fähig und zu nichts zu gebrauchen.“

Aber wir verstanden einander immer besser und er trug mich erfolgreich bis in die LK 2: Ob Reining, Pleasure, Western Riding oder Trail, Bipol und ich wurden sehr erfolgreich, errungen mehrere All Around Schleifen und fuhren 2009 zur GO zum Horse & Dog Trail.

Doch er wurde älter und sein Aufgabenfeld verlagerte sich. So half er im Laufe der Zeit beim Anreiten mehrerer Jungpferde, die stets als Handpferd mit ins Gelände kamen.
Mein Mann lernte auf ihm Reiten, ganz unorthodox im Gelände und beide waren berüchtigt, weil sie stets im Galopp durch den Wald preschten, mal auf den Wegen, mal querfeldein.

Bipol brachte auf der einen Seite mit seiner unerschütterlichen Sicherheit, Ruhe und Geduld unendlich vielen Kindern das Reiten bei, führte sie durch Reitabzeichenprüfungen, durch Turnierprüfungen oder einfach „nur“ durchs Gelände. Zahlreiche Freunde durften auf ihm reiten und wirklich jeder schloss ihn in sein Herz.
Aber er scheute sich auch nicht, z.B. angehende Reitbeteiligungen, die ihm nicht gefielen, auf ihre Sattelfestigkeit zu prüfen, und im Zweifel einfach abzuwerfen. Ja, er suchte sich seine Menschen wahrlich aus!
Glaubtest Du reiten zu können, dann prüfte er dich, hattest Du Angst, war er vorsichtig. Wenn Du aber auf seiner Seite standest, dann wusste er das und war für dich da.
Wurde eine Situation brenzlich, weil eine Wildschweinrotte im Anmarsch war, behielt er die Nerven und bei nervigen Jungpferden an seiner Seite blieb er geduldig.
Bis zu seinen letzten Tagen liebte Bipol vor allem die Kleinen und die Schwachen, und sie liebten ihn.
Bipol starb am 16.05.2018, einem wunderschönen sonnigen Tag, friedlich in Saschas und meinen Armen. Er wurde 27 Jahre alt.

„Bipol du warst ein wunderbares Pferd mit viel Charakter. Danke, dass Du immer Geduld mit mir hattest und dass Du so lange bei mir warst!
Du hast erreicht, was sich viele Menschen wünschen,… du wirst immer unvergessen sein!“

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